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Hans Leenders | Drei Geistliche Gesänge aus Schlesien (2024-2025)

  • Autorenbild: Eleni Ioannidou
    Eleni Ioannidou
  • 28. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Juli

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Hans Leenders ist ein niederländischer Komponist, Organist und Kantor, geboren in Maastricht im Jahr 1965. Seine Bekanntschaft verdanken wir einem Duo, das an der ersten Ausgabe des Wettbewerbs 2022 teilnahm: dem niederländischen Duo aus Bariton Vincent Kusters und Pianist Charlie Bo Meijering. Die beiden Künstler arbeiten häufig mit dem Komponisten zusammen, und so hatten wir Gelegenheit, einige seiner Lieder zu hören. Ihre Schlichtheit, der Respekt vor dem Text und ein Hauch mystischer Neoromantik beeindruckten uns. 2024 feierten wir in der Region zwei Jubiläen. Vor 400 Jahren (1624) starb der christliche Mystiker und Philosoph Jakob Böhme in Görlitz, und im selben Jahr wurde der bedeutende Dichter und Mystiker Angelus Silesius (Johannes Scheffler) in Breslau geboren. Die jüdische Kultur wird übrigens in Sachsen besonders in diesen Jahren gefördert. In Schlesien bildeten die Juden eine blühende Gemeinde, die auch in der Kunst zahlreiche Spuren hinterließ. Paul Mühsam war ein jüdischer Dichter, der in Görlitz lebte. Seine Lyrik ist stark von der Spiritualität seiner Religion und Mystik geprägt.

Diese Zusammenhänge, in Kombination mit dem Wunsch die dritte Edition des Wettbewerbes dem geistigen Lied zu widmen, brachte uns auf die Idee, die Komposition von drei Liedern zu diesen beiden Mystikern zu erbitten, die jeweils einer anderen Religion angehören: Angelus Silesius (katholisch), Jakob Böhme (evangelisch) und Paul Mühsam (jüdisch). Gemeinsam mit dem Komponisten haben wir drei Gedichte ausgewählt und so enstanden die "Drei Geistliche Gesänge aus Schlesien". Es ist uns eine Ehre, sie in der dritten Ausgabe des Wettbewerbs jungen Musikern aus aller Welt vorzustellen. Wir hoffen, dass einige davon im Mai/Juni 2026 hier in Schlesien, nämlich in Görlitz und Jauer, gesungen und aufgeführt werden.

Die "Drei Geistliche Gesänge aus Schlesien" sind die vertonte Gedichte "Erfüllung" (Paul Mühsam), "Gebet" (Jakob Böhme) und "Osterjubel" (Angelus Silesius).

Musiker können die Noten als PDF direkt beim Verlag Ascolta Music Publishing bestellen (E-Mail: info@ascolta.nl).

Hans Leenders ist offizieller Komponist der Stadt Maastricht für die Jahre 2025 und 2026. Wir gratulieren dem Komponisten für diese Ehre und danken ihm herzlich für seinen Beitrag, einen wichtigen Teil der schlesischen Kultur international bekannt zu machen: die schlesische Mystik.


Über die drei Dichter

Der Schuhmacher Jakob Böhme wurde 1575 (450. Geburtstag in diesem Jahr) in Alt-Seidenberg bei Görlitz geboren und genoss keine besondere Ausbildung. Mit etwa 37 Jahren hatte er jedoch ein mystisches Erlebnis, das ihn dazu veranlasste, philosophische Werke über die christliche Mystik zu verfassen. Sein bedeutendstes Werk, „Aurora oder die Morgenröthe“, entstand um 1612 in Görlitz. Zahlreiche weitere Werke mit Titeln wie „Der Weg zu Christo“, „Mysterium Magnum“ und „De incarnatione verbi“ folgten. Von der protestantischen Kirche als Häretiker verboten, verbreiteten verschiedene Adlige seine Schriften, insbesondere in den Niederlanden, wo größere Gedankenfreiheit herrschte. 1682 wurden seine Gesamtwerke mit der Wirkung des Diplomaten und Bürgermeisters von Amsterdam, Coonread van Reuningen, in Amsterdam veröffentlicht. Jakob Böhme starb 1624 jung in Görlitz. Sein Grab auf dem Nikolaifriedhof zieht Hunderte von Touristen und Liebhabern seiner Philosophie aus aller Welt an. Er gilt als der erste deutsche Philosoph. Seine Schriften hatten großen Einfluss auf mehrere nachfolgende Denker, darunter Novalis, Adam Mickiewicz oder Goethe. Seine Mystik rund um Jesus und seine Theorien zur Überwindung des Bösen der Welt waren besonders wichtige Inspirationen für die Romantiker.


Einen Monat nach dem Tod von Jakob Böhme im November 1624, wurde im nahegelegenen Breslau ein weiterer christlicher Mystiker geboren, Johannes Scheffler, bekannt als Angelus Silesius. Breslau ist die Hauptstadt Schlesiens, das damals unter habsburgischer Herrschaft (Österreich) stand. Der Dreißigjährige Krieg, also die Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten, war in dieser Region besonders grausam. Johannes Scheffler wurde daher im Dezember 1624 als Kind von Stanislaus Scheffler, einem polnischen Adligen, und Maria Hennemann geboren und Lutheraner getauft. Die Eltern schickten ihr Kind auf das berühmte Elisabethgymnasium in Breslau, wo es mit den Gedichten von Martin Opitz in Berührung kam, einem der ersten deutschen Dichter, der ebenfalls Schlesier war, und begann Poesie zu schreiben. Als Scheffler zum Medizinstudium nach Straßburg und Leiden geschickt wurde, lernte er in den Niederlanden die Schriften von Jakob Böhme kennen, die ihn sehr inspirierten. Er setzte sein Studium in Padua fort und wurde Arzt und Philosoph. Er kehrte nach Schlesien zurück und arbeitete als Arzt. Dort begann er mystische Visionen zu haben und schrieb mystische Gedichte, was ihm in lutherischen Kreisen (wie vor ihm Jakob Böhme) große Feindschaft einbrachte. Daraufhin konvertierte er zum Katholizismus und nahm den Namen „Angelus Silesius“ an – der Engel aus Schlesien. Katholische Kreise erlaubten ihm, seine Gedichte zu veröffentlichen. So entstanden berühmte, geistliche Gedichte, die heute als „Heilige Seelen-Lust“ oder „Der Cherubinische Wandersmann“ bekannt sind. Später wurde er Franziskaner und widmete sich im Matthiasstift (Orden der Kreuzritter mit dem Roten Stern, heute "Ossolineum") den Armen und Kranken. Er führte ein asketisches Leben und starb 1677 in Breslau an den Folgen einer Krankheit. In der St.-Matthäus-Kirche, wo er getauft wurde und als Geistlicher lebte und wirkte, erinnert eine Gedenktafel an ihn. Dort im Hoff von Ossolineum befindet sich auch ein Café namens "Cherubinowy Wędrowiec“ (Der Cherubinische Wanderer). Die Gedichte von Angelus Silesius wurden oft vertont, nicht nur in Form von Kirchenliedern. Auch Komponisten wie Robert Kahn, Arnold Mendelssohn und Willy Burkhardt vertonten seine Gedichte.


Etwa 200 Jahre nach dem Tod von Angelus Silesius, 1876 wurde Paul Mühsam in Brandenburg an der Havel geboren. Er war das Kind einer jüdischen Familie aus Schlesien: Siegfried Seligmann Mühsam war ein Apotheker aus Landsberg in Oberschlesien, der später nach Lübeck zog. Paul Mühsam hatte einen noch berühmteren Bruder, den Anarchisten Erich Mühsam, der sich sehr für den Pazifismus und die Arbeiterbewegung engagierte und 1934 von der NSDAP im Konzentrationslager Oranienburg ermordet wurde. Paul Mühsam hingegen führte ein ruhigeres, bürgerliches Leben und identifizierte sich – im Gegensatz zu seinem Bruder – mit dem Judentum. Die Familie Mühsam war eine bürgerliche Familie assimilierter Juden in Lübeck. Paul wählte Görlitz zu seiner Wahlheimat, wo er ab 1905 als Rechtsanwalt tätig war. Seine Werke (Prosa und Lyrik) mit Titeln wie „Gespräche mit Gott“, "Geschwistersein aller Kreatur“, „Vom Glück in dir“, „Mehr Mensch“, „Auf stillen Wegen“ sind von tiefer Mystik und Liebe zu Gott und der Menschheit durchdrungen. 1933 verließ Mühsam Görlitz und ging nach Palästina, wo er seine Memoiren „Ich bin ein Mensch gewesen“ schrieb und am 11. März 1960 in Jerusalem starb.



Über den Komponisten

Hans Leenders (1965) hat Orgel, Tonsatz und Gregorianik an den Konservatorien von Maastricht, Utrecht und Brüssel studiert bei u.a. Jean Wolfs, Jan Raas, Jean Ferrard und Jean Boyer. Leenders ist Kantor-Organist der Liebfrauenbasilika in Maastricht (Séverin 1652 und Müseler 1765?), Dirigent des Basilica Chores, Basilica Consort und Titulair-Organist der Kopermolen in Vaals (Hilgers 1765).

Er ist Professor für Orgel und Chorleitung an der Musikhochschule in Maastricht, künstlerischer Leiter des professionellen Kammerchores Studium Chorale und der Schola Maastricht und ebenso Dirigent vom Kammerchor Maastricht. Leenders ist künstlerischer Berater des Orgelfestivals L‘Europe & l’Orgue.

Er unterrichtete viele Jahre Gregorianik an der Folkwang-Universität der Künste in Essen während der Sommerkurse. Gastdirigate beim Rundfunkchor Sloveniën, Groot Omroepkoor, Cappella Amsterdam, Europa Cantat und vielen Musikhochschulen Europas. Orchesterproduktionen mit der Philharmonie Zuidnederland, dem Symfonieorkest Vlaanderen, Concerto d'Amsterdam, Florilegium Musicum und Ensemble88 (spezialisiert in zeitgenössische Musik).

Der Komponist hat, neben einer langen Reihe von religiösen Musik, mehrere deutsche Dichter vertont: Ballade des Äußeren Lebens von Hugo von Hoffmansthal, Drei Deutsche Lieder (Friedrich Hölderlin, Christian Morgenstern, Heinrich Heine) u.a.

Sein Stil gehört zur einer zeitgenössischen Form des Impressionismus und Neoromantik. Seine Kompositionen sind veröffentlicht bei Ascolta, Harmonia und De Haske.

Bei ALIUD Records erschien dieses Jahr eine neue CD: Hans Leenders A musical portrait.

Hans Leenders wurde ernannt als  Komponist der Stadt Maastricht für zwei Jahren (2025-2026). Website. Sportify.



Die Lieder

Erfüllung

Nun schweige still, des Tags geschwätzter Mund,

Daß ihre Wunder mir die Nacht verkünde!

Schon steigen Ahnungen aus Urweltgrund

Und weisen mir den Weg, daß ich mich finde.


Geheimstes trägt die Dämmerung im Schoß,

Vorüber huschen Stimmen und Gestalten,

Der Himmel bindet seine Glocke los,

Das Zeitbefreite weitet seine Falten.


Geflüster schwillt zur Flut und rauscht herauf

Von Seelen, die sich weltdurchwandernd trafen,

Und Träume sprengen herbe Hülle auf

In Keimen, die im Unerlösten schlafen.


Und meine Augen fiebern durch die Nacht,

Von Stern zu Stern heißt mich die Sehnsucht schweifen,

Mein Garten steht in später Sommerpracht,

Und meines Lebens letzte Früchte reifen.


Ich trink' das Wiegenlied der Ewigkeit,

Stürz' in die Stimmen, die mich Bruder riefen;

Nach seiner Mutter, der Unendlichkeit,

Schreit auf mein Herz durch alle Himmelstiefen.


Paul Mühsam (1876-1960). Aus der Sammlung „Seit der Schöpfung wurde gehämmert an deinem Haus“



Gebet

O Gott, du überglänzendes, ewigscheinendes Licht, du hast der äußern Welt das Licht von dem Hauch deiner Macht durch die Strahlen deines Lichtes gegeben, und herrschest mit Sonne und Monde in allen deinen Werken in dieser Welt Wesen; du gebärest alles zeitliche Leben durch diese Lichter. Alles, was Atem hat, wirket und lebet in diesen Lichtern, und lobet dich in deiner Kraft; alle Sterne nehmen Licht und Schein von deinem ausgegossenen Glanze. Du zierest die Erde mit schönen Kräutern und Blumen durch dieses Licht, und erfreust darinnen alles, was lebet und wächset, und zeigest uns Menschen darinnen deine Herrlichkeit, daß wir erkennen deine Kraft, die inwendig verborgen ist, und daran sehen, wie du dein ewiges Wort und Wirkung sichtbar gemacht hast; auf daß wir dadurch sollen betrachten dein inwendiges, geistliches Reich, da du im Verborgenen wohnest und alle deine Geschöpfe erfüllest, und alles in allem selber wirkest und tust.


Jakob Böhme (1575 -1624). Aus „Gebete der Christenheit“ (Walter Nigg, Hamburg 1960)


Michael Willmann (1630-1706) - Jesus am Ölberg
Michael Willmann (1630-1706) - Jesus am Ölberg
Osterjubel

Jetzt ist der Himmel aufgetan,

jetzt hat er wahres Licht!

Jetzt schauet Gott uns wieder an

mit gnädigem Gesicht.

Jetzt scheinet die Sonne

der ewigen Wonne!

Jetzt lachen die Felder,

jetzt jauchzen die Wälder,

jetzt ist man voller Fröhlichkeit.


Jetzt ist die Welt voll Herrlichkeit

und voller Ruhm und Preis.

etzt ist die wahre goldne Zeit

wie einst im Paradeis.

Drum lasset uns singen

mit Jauchzen und Klingen,

frohlocken und freuen;

Gott in der Höh sei Lob und Ehr.


Jesus, du Heiland aller Welt,

dir dank ich Tag und Nacht,

dass du dich hast zu uns gesellt

und diesen Jubel bracht.

Du hast uns befreiet,die Erde erneuet,

den Himmel gesenket,

dich selbst uns geschenket,

dir, Jesus, sei Ehre und Preis.


Angelus Silesius (1624-1677)


(Erste Seiten der Lieder)



 
 
 

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